Publizistik & Kunst/SDR 1990
Militaria

"Der Parteikonvent, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ist bereits seit langem als Bewährungsprobe des schwer angeschlagenen Generalsekretärs angesehen worden. Er hat seine Wiederwahl in Angriff genommen, obwohl er von vielen heftig attackiert worden ist. Nun wollte er die lästige Kritik ein für allemal ausmerzen.

    Der Parteitag ist seine letzte Bastion, und er hat nicht zu erkennen gegeben, dass er gewillt ist, beizudrehen. Seit Wochen schon ist er unter schwerem Beschuss, schien er am Boden zerstört. Ein Bombardement von Vorwürfen ging auf ihn nieder: Innerparteiliche Kritiker feuerten eine Breitseite gegen ihn, woraus sich bald ein Dauerfeuer entwickelte.

    Bald hatte man sich aufeinander eingeschossen. Der einflussreiche Bezirksvorsitzende Südwest führte zwar verschiedene Argumente ins Feld - schon um Flagge zu zeigen - doch der Flankenschutz fehlte. Die Folge: Es formierte sich Widerstand.

    Nach dem Frontalangriff des Vorsitzenden mochte niemand zum Gegenschlag ausholen. Gut gerüstet fuhr er manch schweres Geschütz auf. Im Gleichschritt mit seinen Parteifreunden, bislang in Grabenkämpfe verstrickt, bereitete er sich auf den heutigen Großkampftag vor, stets darauf achtend, später im Hauptquartier der Partei und noch dazu unweit der bekannten Wähler-Hochburg nicht einem Heer von Feinden gegenüberzustehen oder gar in einen Hinterhalt zu geraten. Das entspräche freilich auch nicht einem Mann seines Kalibers.

    Die Kampfansage war schnell formuliert, nachdem er das Kommando im eigenen Lager übernommen hatte: "Die Legion der Heuchler, die längst Lunte gerochen haben, bis zum letzten Mann zu entlarven" - so der Generalsekretär in seiner Rede, die die Marschrichtung für die folgende Materialschlacht vorgab. Munition lieferte ihm die Nachhut des Vorsitzenden, die bis dato nur 08/15-Ideen geliefert und sich nicht zu einer Offensive hatte durchringen können. Manch einer hatte längst sein Pulver verschossen. Da reichte es nur noch zu Querschlägern aus den eigenen Reihen. Der vor Jahresfrist rekrutierte Generalsekretär seinerseits feuerte aus allen Rohren nach vertrauter Schlachtordnung, ohne Schützenhilfe von Freunden.

    Der Vorsitzende dagegen traf ins Schwarze, trug offenbar einen Sieg auf ganzer Linie davon und konnte nicht nur die Stellung halten, sondern schien mit dieser Strategie die anderen im Sturm zu erobern und konkurrierende Pläne zu torpedieren: Die Generalsekretärsfraktion geriet aus dem Tritt.

    Doch der Vergeltungsschlag mit verheerender Wirkung kam, obwohl sich einige tief verschanzt hatten: Die Berater des Vorsitzenden, gerade erst ins Visier genommen, konnten zwar mit dem Misstrauensantrag noch einen Volltreffer landen entsprechend seinen Bestrebungen im Vorfeld, doch der Vormarsch der Aufmüpfigen war nicht mehr zu stoppen, die in der bevorstehenden Wahlschlacht ohne Warnschuss für Zündstoff sorgen wollten.

    Auch wenn noch längst nicht alles gesagt ist: Den Parteitag erwartet ein spannender Zweikampf. Und damit zurück nach Hamburg."


© 1990, 2001 by Thomas Östreicher, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.