stern Heft 10/1.3.2001

stern Heft 10/2001
"Ich sehe das alles ganz pragmatisch"

Vom Wickert zum Wickeln - und dann? "Tagesthemen"-Moderatorin Gabi Bauer hat sich entschieden: Ein Babyjahr ist genug. Ihren Beruf gibt sie nicht auf. Warum beides, Kinder und Karriere, wichtig ist, sagt sie im Gespräch mit dem stern

Dreieinhalb Jahre haben Sie uns Nachrichten ins Wohnzimmer gebracht, jetzt sind Sie selber Nachrichtenstoff. Nervt das?

Ist schon o.k. Ich habe nicht vor, mich in der öffentlichen Mutterrolle häuslich einzurichten.

Es gibt ja noch andere prominente Mütter mit Babybauch - Veronica Ferres und Jenny Elvers etwa. Aber mit Ihrer Zwillingsschwangerschaft toppen Sie alle.

Super! Einmal im Leben Jenny Elvers getoppt!

Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones verkauften vor kurzem exklusiv die ersten Babyfotos an eine Zeitschrift. Darf man auch bald mit Fotos von den Bauer-Babys rechnen?

Nein. Es gibt zwar schon einige Anfragen, aber ich habe nicht vor, aus meinen Kindern Kapital zu schlagen. Für mich ist Kinderkriegen kein Showbizz.

Wann ist es denn so weit?

So genau weiß man das bei Zwillingen nicht. Irgendwann im Juli wohl.

Vor Ihrer Schwangerschaft liebten Sie Harald Schmidt, Fischbrötchen und Bier aus der Flasche. Und jetzt?

Also, das mit Harald Schmidt stimmt immer noch. Alkohol ist in der Schwangerschaft tabu. Und Heißhunger auf irgendetwas Bestimmtes habe ich nicht, weder auf Fischbrötchen noch auf Essiggurken.

Rauchen Sie noch?

Nein. Obwohl ich vorher ein Päckchen am Tag vernichtet habe. Aber ich bin mir noch lange nicht sicher, dass ich mein Leben lang nikotinfrei bleibe.Vielleicht sollte ich mit Ihnen wetten, dass ich beim Schlager-Grand- Prix singen muss, wenn ich wieder anfange. Das würde den Druck erhöhen.

Wir sind geschockt - "Tagesthemen" demnächst nur noch mit Uli Wickert, ohne Sie. Wer entschied: Schluss mit "Tagesthemen"? Sie? Ihr Mann? Beide?

Mein Mann und ich. Wir sehen es beide gleich. Aber ich hatte die Entscheidung für mich schon getroffen, als ich es mit ihm besprochen habe. Auf zwei Überholspuren - ARD-"Tagesthemen" und Säuglinge im Doppelpack - kann man nicht fahren. Das führt, um im Bild zu bleiben, leicht zur Kollision.

Und wenn es nur ein Kind wäre?

Kann sein, dass die Entscheidung dann anders gefallen wäre. Aber wäre meine Oma ein Omnibus, dann hätte sie vier Räder...

Mehr Zeit zum Leben?

Wozu soll ich denn Kinder haben, wenn ich jeden Tag 13 Stunden arbeite? Klar, es gibt da die Erwartung, zumal aus Teilen der Frauenbewegung, Kind und Karriere quasi mit links auf die Reihe zu kriegen. Und am Ende funktioniert frau nur noch, und das Leben rast vorbei. Außerdem fehlt dabei die Frage: Was macht eigentlich der Vater? Also: Wenn Eltern ihren Kindern wirklich rund um die Uhr ein Leben bei Betreuern organisieren, dann haben sie selbst doch zu wenig davon.

Viele müssen das aber tun.

Leider, ich weiß. Insofern sind wir finanziell und durch relativ flexible Arbeitsmöglichkeiten privilegiert. Reden wir also über staatliche Unterstützung nicht mehr wie bisher für Ehepaare, sondern für Menschen, die Kinder erziehen.

Und was ist mit den Vätern? Bei Kleinkindern hält sich der Zeitaufwand, den Väter einbringen, sehr in Grenzen.

Gezwungenermaßen. Das ist die Ungerechtigkeit der Natur, dass nur die Frauen Kinder kriegen und stillen können. Klar, es wäre viel schöner, wenn auch das gerecht fifty-fifty verteilt wäre. Aber so bin eben ich es, die das erste Jahr zu Hause macht. Danach wird neu diskutiert.

Wäre Ihr Mann Uli Exner, der stellvertretender Chefredakteur einer Regionalzeitung ist, denn bereit, Sie dann abzulösen?

Grundsätzlich ohne weiteres.

Und wie wird entschieden, ob oder ob nicht?

Das wird von den Perspektiven abhängen, die sich beiden dann beruflich bieten. Welcher Job ist reizvoller, welcher flexibler? Welcher lässt sich leichter reduzieren? Und wer verdient mehr Geld? Das sind die Kriterien, auf die es ab dem zweiten Jahr ankommt.

Gabi Bauer, 23.2.2001 [Foto: Ali Kepenek]

Dann hat eine Sonntagszeitung Sie in die falsche Ecke gestellt, als sie titelte: "Gabi Bauer: Kinder statt Karriere!"

Ja, mit der Überschrift eindeutig. Ganz hinten im Text stand dann aber doch das Gegenteil zu lesen: dass ich nicht vorhabe, meinen Beruf aufzugeben. Und ob ein Babyjahr automatisch zum Karriereknick führt, das ist die eigentlich spannende Frage. Gesellschaftliche Gleichberechtigung erweist sich erst hinterher.

Erziehungsurlaub bei Männern scheitert oft daran, dass er das größere Loch in die Familienkasse reißt.

Ja, und weshalb ist das so? Weil Frauen immer noch für dieselbe Arbeit in denselben Unternehmen 15 Prozent weniger Gehalt bekommen. Und weil in typischen Frauenberufen generell schlechter bezahlt wird. Das ist nicht nur ungerecht, sondern hat auch noch diese weiterreichenden Konsequenzen.

Ist es denn nicht auch so, dass Frauen sich mit einem Hausmann schwer tun? Ich hab einen Hausmann zu Hause, das klingt ziemlich fad.

Och, kommt auf den Mann an... oder? Aber so sind Frauen halt: liebenswert inkonsequent. Ist doch klar, dass eine Karrierefrau nur Karrierefrau mit Kind sein kann, wenn ihr Mann zurücksteckt. Gleichzeitig soll er aber auch angesehen, erfolgreich, schön, groß und stark sein...

Wie sieht die weitere Familienplanung beim Ehepaar Bauer-Exner aus?

Erst mal die Zwillinge und dann... Kind Nummer drei bis fünf? Nein, wenn ich eine Großfamilie gewollt hätte, dann hätte ich mit 25 angefangen und nicht mit 38. Aber dazu reizt mich mein Beruf viel zu sehr, als dass ich plötzlich sagen könnte: Tschüs, das war's.

Weshalb haben Sie sich nicht früher mit dem Thema Kinder befasst?

Typischer Fall von berufstätigem Paar, bei dem es nie richtig passte. Kinder wären ja ganz schön, sagt man, aber jetzt noch nicht. Irgendwann muss man sich dann entscheiden: now or never. Mach es oder lass es.

Und jeden Abend trauern Sie ein bisschen, wenn Sie "Tagesthemen" sehen?

Wenn ich dann noch wach bin, garantiert. Aber vermutlich werde ich vor den "Tagesthemen" fix und foxi auf dem Sofa eingeschlummert sein.

Sie gelten bereits jetzt als Supermami.

Wieso denn das? Die Mutter der Nation werde ich nicht geben. Ich seh das alles ganz pragmatisch. Jetzt sind erst mal Kinder dran, der Beruf kommt auch wieder.

Also kein grundsätzliches Bekenntnis zu der These: Die Mutter gehört zum Kind, sonst nimmt es Schaden für sein Leben?

Hören Sie bloß mit den Dogmen auf, die dieses Thema umwabern. Kinder berufstätiger Mütter könnten angeblich nicht zu kompetenten, gewaltfreien Sozialbürgern heranwachsen? Das ist doch Schwachsinn. Lieber eine zufriedene berufstätige Mutter als eine unausgeglichene Vollzeit-Hausfrau. Aber dass sich überzeugte und ausgeglichene Vollzeit-Mütter für ihre Entscheidung ständig rechtfertigen müssen, ist auch eine Zumutung.

Mutter werden, Kinder kriegen - welche Rolle spielt da die finanzielle Unterstützung durch den Staat?

Ich glaube nicht, dass es vor allem finanzielle Probleme sind, die dem Kinderwunsch entgegenstehen. Es ist die sträflich vernachlässigte Infrastruktur, die viele Frauen zögern lässt. Es müsste viel mehr Kinderkrippen, Ganztagesschulen und Betriebskindergärten geben. Dass dann je nach Bedarf finanzielle Unterstützung hinzukommen muss, versteht sich von selbst. Das gilt vor allem bei Alleinerziehenden, die oft genug in die Sozialhilfe abgedrängt werden.

Wie lange kann eine Frau aus ihrem Beruf aussteigen, ohne den Anschluss zu verlieren?

Nicht zu lange, ohne in Kontakt zu bleiben und sich fortzubilden. Das gilt für Frauen wie Männer gleichermaßen und sicher in jedem Beruf.

Weshalb kehren Sie nicht zu den "Tagesthemen" zurück, wenn die Zwillinge aus den Windeln sind?

Wenn wir eine Top-Frau für diesen Job haben wollen, kommt die nur auf Dauer, nicht mal eben als Ersatz für Frau Bauer. Außerdem will ich dieser Sendung keine Halbheiten zumuten. Sie braucht Stabilität, braucht Handschrift. Und ich bin ganz zuversichtlich, dass sich für mich schon wieder ein Arbeitsplatz finden lässt.

Was könnten Sie sich vorstellen?

Korrespondentin zum Beispiel, irgendwo im englisch- oder französischsprachigen Ausland. Da macht man mal längere Features, mal aktuelle Themen für die Nachrichtensendungen. Oder ich moderiere - das ist erst mal wahrscheinlicher - hierzulande eine andere Sendung.

Gabi Bauer als Talkerin?

Alles nicht ausgeschlossen. Nur eine reine Unterhaltungssendung ist nichts für mich. Das muss schon im weitesten Sinne journalistische Arbeit sein.

Wann kommt das Buch "Mein Leben mit Zwillingen"?

Erst mal schreibe ich den Ratgeber: 500 Fragen, auf die Ihnen nie eine vernünftige Antwort einfällt. Im Ernst: Auf keinen Fall lesen Sie von mir den 187. "Kleinen Erziehungsberater". Angebote liegen vor, aber da muss ich mir noch etwas Raffinierteres einfallen lassen.

Interview: Anette Lache und Thomas Östreicher

ZUR PERSON
Auszeit
Im Wochenwechsel mit dem Kollegen Ulrich Wickert moderiert Gabi Bauer, 38, die abendlichen "Tagesthemen" im ersten Programm - nur noch wenige Wochen allerdings, im April steigt die mit Zwillingen schwangere Fernsehfrau aus. Die Architektentochter aus Celle studierte Sprachen in Deutschland, Frankreich und Michigan/USA. Es folgte eine steile Karriere: Nach ersten Stationen beim Radio ging Bauer 1995 als Reporterin zum NDR-Fernsehen, wo man sie wenig später als Nachfolgerin von Sabine Christiansen einsetzte. Gabi Bauer lebt mit ihrem Mann in Hamburg.


Text © 2001 by Anette Lache/Thomas Östreicher/Gruner & Jahr AG & Co. Druck und Verlagshaus, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
Fotos © 2001 by Ali Kepenek/Gruner & Jahr AG & Co. Druck und Verlagshaus, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.