medium Heft 2/April 1993

medium Heft 2/93
"Irgendwas, was die Leute fasziniert"

Die RTL-Reihe "Augenzeugen-Video" und ihr Moderator Olaf Kracht



Gualtiero Jacopetti, 1909 geboren und ehemaliger Magazinjournalist, schuf Anfang der 60er-Jahre die "Mondo"-Filmreihe, die in Schmuddelkinos nacheinander Blicke auf die Gymnastik von Hochschwangeren erlaubte, auf Kakerlaken essende Menschen, auf sterbende Tiere und Ritualmorde. Nachfolger des Erstlings "Mondo Cane" zeigten ebenso beliebig-collagenhaft dokumentierte Striptease-Auftritte, Hauttransplantationen und Kannibalismus.

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Am 4. September 1981 wurde ein Film mit dem Titel "Gesichter des Todes" in Deutschland erstaufgeführt. Der Inhalt: alle nur denkbaren Variationen über den Tod, dargestellt in teils authentischen, teils inszenierten oder gefälschten Aufnahmen. Sieben Jahre später folgte "Gesichter des Todes 2", wie Teil 3 und 4 von 1990 nicht mehr im Kino, sondern nur noch auf Video veröffentlicht. Die Streifen zeigen - ohne inneren Zusammenhang - Morde, Operationen, Hinrichtungen, Tierversuche, Autopsien, Vierteilungen und die Flugzeugkatastrophe von Ramstein.

   Die Filme stehen als jugendgefährdend auf dem Index. Sie sind für eine Mark pro Tag in vielen Videotheken auszuleihen - für jeden, der ein Videogerät besitzt und starke Nerven. Unter Schülern (die laut Jugendschutzgesetz die Cassetten eigentlich gar nicht ausleihen dürfen) gilt der Konsum bis heute als Mutprobe.

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In seinem Büro im 1. Stock der Aachener Straße 1036 in Köln sitzt ein großer, gut frisierter Mann neben acht Umzugskisten zur Rechten und zwei Computerbildschirmen zu seiner Linken. Es ist ein Nachmittag kurz vor Weihnachten, und es geht hektisch zu bei RTL.

   In drei Minuten führt der Mann vier Telefongespräche. Mittagessen war heute nicht drin, dafür steht auf dem Schreibtisch des Nichtrauchers eine halbvolle Mineralwasserflasche. Heute am späten Abend wird er vier Sendungen der Reihe "Augenzeugen-Video" vorproduzieren, die vom 7. Januar an zu sehen sein werden.

   Olaf Kracht ist nicht der Erfinder der Sendung "Augenzeugen-Video" - das war die US-amerikanische Fernsehstation NBC -, aber er hat deren Filme nach Deutschland geholt, immerhin. Schon im September, nur einen Monat nach der NBC-Erstausstrahlung, gab es zwei von ihm moderierte Pilotsendungen zu je 50 Minuten. (Die "amerikanische Stunde" nennt man das, wegen der eingestreuten Werbung dauert sie insgesamt 60 Minuten.)

   Zu sehen in echten Augenzeugen-Videos und - soweit sie überlebten - im anschließenden TV-Interview waren unter anderem eine Schwangere, die aus dem oberen Stockwerk eines brennenden Hauses springt, um wenig später eine Frühgeburt zu erleiden; ein Mann mit seinen Töchtern auf der Flucht vor einem Hurricane, die Gesichter von Todesangst gezeichnet; eine Sporttaucherin, die von einem Wal in die Tiefe gezogen wird, während ihr Mann sie dabei filmt; ein Streifenpolizist, der mit im Auto versteckter Kamera seine eigene Ermordung durch die nächtlichen Messerstiche mutmaßlicher Drogendealer aufgezeichnet hat.

   Beide Sendungen, Dienstag abends um 21.15 Uhr im Programm, wurden von mehr als fünf Millionen Zuschauern gesehen, Folge 1 von mehr Menschen als irgendeine Sendung des Erzkonkurrenten SAT 1 im gesamten Monat September. Unter den Zuschauern waren laut GfK-Fernsehforschung auch jeweils 2 Prozent aller deutschen Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren.

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"Da ich seit mittlerweile sechs Jahren bei RTL plus beschäftigt bin, gibt mir der Sender tatsächlich eine Art heimisches Gefühl. Ich empfinde mich nicht als 'Angestellter', sondern habe das Gefühl, gemeinsam mit anderen das Medien-Projekt 'Privat-Fernsehen' weiter voranzubringen", schreibt der Fernsehmoderator Olaf Kracht über sich selbst in der Juli-Ausgabe 1992 der Werbezeitschrift "TeleIMAGES", die potentiellen Reklamekunden das Medien-Projekt RTL plus schmackhaft machen soll.

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Zunächst hat das Fernsehen ihn vorangebracht. Nach dem Abitur 1982, Bundeswehr und einem Semester Volkswirtschafts-Studium war Olaf Kracht als Volontär beim "Münchner Merkur" schnell "im Grunde genommen der Filmkritiker der Zeitung", erinnert er sich. Auf den Festivals in Berlin und Cannes schnupperte er die Luft der großen Welt, daneben trat er bei "Podiumsdiskussionen und sonstwas alles" vor Publikum auf. "Das war doch schon sehr prägend, muss ich sagen."

   Nach nur einem Monat Praktikum bei RTL plus übernahm ihn der Sender als Nachrichten-Redakteur, bald darauf wurde er Vizechef der Auslandsredaktion. Wenn Olaf Kracht heute als Nachfolger seines Ex-Kollegen Ulrich Meyer den "Heißen Stuhl" bei RTL moderiert, indem er die Teilnehmenden zu kurzen Statements zwingt und durch Hin- und Herlaufen in dem Arena ähnlichen Fernsehstudio die Aufmerksamkeit auf sie lenkt, dann sprechen Kritiker von Klamauk statt Diskussion.

   Das lässt ihn ziemlich ungerührt, auch, dass "Bild" ihn "immer schlechter, immer arroganter, immer unerträglicher" genannt hat. "Zu blöd, zu platt", findet er das. Und der Verlag der "Bild"-Zeitung sei nun einmal Teilhaber bei der Konkurrenz SAT 1.

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Bei SAT 1 arbeitet inzwischen auch der frühere RTL plus-Nachrichtenredakteur Ulrich Meyer, für den "Augenzeugen-Video" "reiner Voyeurismus" ist. - "Mein Ex-Kollege Ulrich Meyer..." Olaf Kracht wischt versonnen die Krümel des etwas zu süßen "Butter-Christstollens Dresdner Art" vom Schreibtisch, bevor er den Satz beendet. "...der würde die Sendung auch machen. Meyer war immer einer, der gesagt hat, die Möglichkeiten von Fernsehen muss man schon ausschöpfen."

   Während des Gesprächs wandert der Blick der braunen Augen zwischen dem Besucher und der großen Korkpinwand an der gegenüberliegenden Zimmerseite hin und her. Darauf aufgespießt sind etliche Pappkärtchen, jeweils sechs in einer Reihe. Darüber steht AZ # 1, AZ # 2 und so weiter. Die nächsten Sendungen von "Augenzeugen-Video".

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Im April 1993 wird Olaf Kracht 30. Mit dem bisher Erreichten ist er zufrieden. "There is more to come." Er lacht.

   Frage: "Haben Sie sich schon einmal für eine Aufgabe zu alt oder zu jung gefühlt?" - Pause. - "Gute Frage." - Pause. - "Nö. Klar, in meiner ersten 'Heißen-Stuhl'-Sendung am 5. Januar 1989, da dachte ich schon, oje, da musst du aber jetzt gut aufpassen." - Frage: "Eine Kollegin nannte Sie mal einen Vertreter eines neuen Typs von Journalist." - "Das würd ich auch so sehen." - Frage: "Wie würden Sie diesen Typ beschreiben?" - "Nicht mehr so scheuklappentragend. Nicht mehr so in seiner Schublade sitzend und bloß nichts mit den anderen zu tun haben wollend. Man sollte sich viel mehr als Dienstleister begreifen. Was bisher an Journalismus praktiziert wird, ist mir zu oft für den Macher gemacht statt für das Publikum, und das stört mich unheimlich da dran."

   An dieser Stelle des Gesprächs benutzt Olaf Kracht die Begriffe Ernsthaftigkeit, Ethik, Verantwortungsbewusstsein und Wahrhaftigkeit. "Da muss es keine Abstriche geben", sagt er.

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Der ehemalige Filmkritiker hat als Redakteur für Auslandsnachrichten Filmmaterial von Journalisten aus aller Welt bearbeitet, jetzt hat er es mit Amateurvideos zu tun. Die Welten scheinen nicht so weit auseinander zu liegen. Überhaupt, die Bearbeitung von Bildmaterial: Den über weite Strecken videoclipartig geschnittenen drei-Stunden-Semidokumentarfilm "JFK" von Oliver Stone hält er für "einen der absolut besten Filme, die ich je gesehen habe", wegen der überzeugenden Mischung aus echten und nachgestellten oder fiktiven Szenen. Dutzende Male sind in "JFK" die Kopfschüsse auf John F. Kennedy zu sehen, der kalte Schauer, verursacht durch den berühmten 8mm-Amateurfilm, darf wieder und wieder über den Rücken des Betrachters rinnen.

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Die Nachrichtenagentur AFP meldet im November 1992: "Ein verheirateter Mann, der in den USA im Fernsehen bei einem Seitensprung gezeigt worden war, hat sich selbst getötet. (...) Ein Amateurfilmer hatte den Film der Polizei übergeben, weil seiner Ansicht nach auch Kinder das Liebesspiel hätten sehen können." Eine Fernsehshow hatte die Aufnahmen daraufhin ausgestrahlt.

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In den beiden Pilotfolgen von "Augenzeugen-Video" spricht Olaf Kracht sechsmal in seinen An- und Zwischenmoderationen von der "Faszination" der Aufnahmen "von Menschen, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Platz sind". Am Ende ergeht der Aufruf: "Waren auch Sie schon mal ein Video-Augenzeuge? Dann melden Sie sich, rufen Sie uns an, schreiben Sie uns. Vielleicht wird Ihr Video demnächst andere Zuschauer faszinieren."

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Im Gespräch erzählt Olaf Kracht, nicht frei von Enttäuschung, dass der "response" seitens der zum Mitmachen aufgeforderten Zuschauer bislang ausbleibe. "Das, was wir da in Deutsch haben, ist von uns eigenrecherchiertes Zeug." Überwiegend stimmt das für die ihm bis dato zur Verfügung stehenden 60, 70 Augenzeugen-Videos, sieht man von Ausnahmen wie dem Amateurfilm einer tödlichen Schießerei in einem Hamburger Billardcafé ab, das von einem sogenannten Selbstanbieter stammt.

   Auf zwei Kärtchen an der Korkpinwand steht "Greenpeace", und, kleiner, darunter: "evtl."

   Außerdem seit Anfang 1993 wöchentlich im RTL-Programm: Erdbeben und Menschen in Panik, ein Hubschrauberabsturz, "Demonstranten prügelnde Bullen, also das sieht ganz gut aus" (Kracht), ein "Mauerflüchtling", ein Gleitfallschirmflieger, der an eine Hochspannungsleitung gerät und eine Babysitterin, die ein Kleinkind mit dem Kochlöffel verprügelt, während die Eltern die Misshandlung heimlich zu Beweiszwecken filmen. Um sie später ans Fernsehen zu schicken? Dazwischen, als Abenteuer-Einsprengsel, Bilder von der untergegangenen Titanic und einem Schiff, das für Tage im arktischen Packeis gefangen ist.

   Ein bestimmtes US-Video nimmt eine Sonderstellung ein, steht für eine besondere Qualität, das spürt auch Olaf Kracht, als er erzählt: "Da ist so ein Typ, der sich in einer Schule verschanzt und Kinder als Geiseln nimmt, weil er von dem Bürgermeister eine Entschuldigung haben will auf Videoband. Eine ganz irre gedrehte Geschichte. Der macht das eigentlich nur, weil es die Möglichkeit Video gibt und er möchte, dass der Bürgermeister sich im Lokalfernsehen bei ihm entschuldigt, und so, also eine ganz eigene Mediengeschichte."

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Seit Anfang dieses Jahres ist Olaf Kracht kein Angestellter mehr, der eine Art heimisches Gefühl hat, sondern eine Firma. Die Umzugskisten im Büro bleiben eingepackt. Gemeinsam produziert er mit dem RTL-Kollegen Hans Meiser die neuen deutschen Folgen von "Augenzeugen-Video" im eigenen, Millionen Mark teuren Essener Studio und geht damit einen Weg, den der Ex-Kollege Ulrich Meyer schon vor etlichen Monaten gegangen ist. Kracht: "Für den Zuschauer ändert sich nichts."

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Die Kriterien für die Zusammenstellung der Sendung "Augenzeugen-Video" bleiben im Dunkel, die Grenze des Sendbaren ist nicht greifbar. Frage: "Wenn Sie auf der Autobahn einen Unfall sehen, schauen Sie da weg?" - "Weg? Nee, ich guck hin, aber dann wieder weg, weil ich genau weiß, dass alle anderen Idioten hingucken und ich sonst auf irgendeinen drauffahre." (Lachen) "Also, nein, ich bin keiner, der sich da hinstellt und da parkt und so von Ferne da zuguckt. Dazu ist mir das auch zu leidvoll irgendwo. Ich kann's wirklich nicht sehen, wenn Leute leiden oder wenn denen nicht geholfen wird."

   Der Popstar Sting hat die Geburt eines seiner Kinder 1985 in den Mittelpunkt des Konzertfilms "Bring On The Night" gestellt, für Olaf Kracht privat unvorstellbar. Er besitzt auch bis jetzt gar keine Kamera, "leider".

   Ein Video vom Autobahnunfall, sagt er, würde er senden, wenn es sich etwa um Nebelraser handelte.

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In einer Folge der Science-Fiction-Serie "Max Headroom", benannt nach dem im Computer digital entworfenen Helden, gibt es einen Fernsehsender namens "Breakthru-TV". Die Station hat heimlich exklusiv die Rechte an den Terroranschlägen der "Weißen Brigade" gegen Sachen und Personen gekauft, einer "Vereinigung des radikalen Anarcho-Syndikalismus" (Sendung vom 14.12.1992).

   Max Headroom ist eine Kunstfigur und naiv. "Das gibt's doch nicht!", ruft er, als er von der Absprache zwischen den Killern und dem Fernsehsender Wind bekommt. "'Breakthru' hat die höchsten Einschaltquoten", bekommt er zur Antwort.

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Der Händedruck beim Abschied ist kraftvoll; "there is more to come".

   In dem von der RTL-Pressestelle verbreiteten kurzen biographischen Text über Olaf Kracht äußert sich der Fernsehstar perspektivisch. Für die Zukunft könne er sich vorstellen, Drehbücher zu schreiben, heißt es da.

   "Irgendwas, was die Leute fasziniert, Krimis zum Beispiel." Irgendwas.



Nachtrag: Dieser Beitrag erschien - in unterschiedlichen Fassungen - auf den Medienseiten einiger Zeitungen und Zeitschriften, zum Thema Kracht/"Augenzeugen-Video" schrieb ich außerdem eine Glosse für den Stern. Die Reihe wurde wenig später eingestellt. Die "geballte Medienkritik" war nach Auskunft des ehemaligen RTL-Chefredakteurs Dieter Lesche der Grund dafür: RTL war zu dieser Zeit bemüht, sich vom Image des Schmuddelsenders zu befreien.

   Olaf Kracht leitet heute gemeinsam mit seinem Kollegen Hans Meiser eine Fernsehproduktionsfirma in Berlin. Nach einigen Jahren Pause haben mehrere kommerzielle TV-Sender Polizei- und andere Videos wieder ins Programm genommen, jedoch mit weit weniger drastischen Bildern.

   Inzwischen pflegen Internetseiten wie rotten.com die Tradition der zusammenhanglosen, dabei authentischen Gewaltdarstellung. Kracht hat meines Wissens nie wieder vor einer Fernsehkamera gestanden.


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